Personal Development

Die Stimmen in meinem Kopf.

Marines with Weapons Company, 1st Battalion, 7th Marine Regiment, run to security positions after offloading from a helicopter during a mission in Helmand province, Afghanistan, April 28, 2014.
Marines with Weapons Company, 1st Battalion, 7th Marine Regiment, run to security positions after offloading from a helicopter during a mission in Helmand province, Afghanistan, April 28, 2014.

In den letzten Tagen wandere ich mit stolzgeschwellter Brust durch die Welt. Als hätte ich eine olympische Goldmedaille unter meinem Shirt.
Vielleicht hab ich auch eine, wer weiß? Aber der Grund für meinen Stolz ist es nicht. Ich bin so verdammt stolz, weil ich jeden Morgen mit einem Sieg gegen
mich und meinen inneren Schweinehund beginne. Um 4:30 klingelt mein Wecker. Ja nachts! Ich stehe auf. Meditiere 30 MInuten. Mache ein
kurzes Video für einen Youtubechannel, der hier nicht zum Thema passt. Dann setze ich mich an ein Notebook und schreibe. Schreibe einfach drauf
los und höre erst auf zu schreiben, wenn es 6:30 ist.  Ich bin jemand, der Dinge radikal angeht und meistens schnell ausbrennt.

Es ist keine zwei Wochen her, da habe ich an einem Tag 4,5 Stunden meditiert. Nicht am Stück, sondern stündlich 30 Minuten. Geplant waren 8,
aber irgendwann kamen Rückenschmerzen dazu und die Willenskraft schwand. Auf 4,5 Stunden kann ich aber sehr stolz sein und wenn man 4,5
Stunden alleine mit seinen Gedanken ist, lernt man so einiges über sich selbst.

War of Art (von Steven Pressfield) kam dabei immer wieder aus meiner Psyche herauf. Als ich War of Art früher gelesen habe, habe ich mitgenommen,
dass Widerstand der Feind ist.
Widerstand zieht uns in die Komfortzone und macht uns Angst vor dem Ungewissen. Widerstand redet uns ein „Ich fange morgen an“, sei eine
vernünftige Entscheidung und Widerstand findet immer einen Grund, warum gerade nicht der richtige Zeitpunkt ist. Widerstand ist der Feind!

Diese Lehre war nicht falsch, aber ich habe übersehen, wie Steven Pressfield den Kampf gegen den Widerstand beschreibt.
Ich habe versucht es wie einen glorreichen Kampf im Kollosseum anzugehen.
Wild schreiend auf den Widerstand loszurennen und möglichst spektakulär zu gewinnen. Da ist das Burnout-Syndrom vorprogrammiert.

Steven Pressfield war ein Marine. Einer dieser harten amerikanischen Soldaten, die aussehen als würden sie Nägel in ihr Müsli rühren, wenn ihr
Arzt sagt, sie bräuchten mehr Eisen. Und das Leben eines Marines ist nicht glamorös. Es ist Misere. Pure Misere! Es fühlt sich scheiße an.
Man fühlt sich scheiße. Scheiße zu ertragen ist es, was einen guten Marine ausmacht. So definiert er es und so hätte ich meinen Kampf mit
dem inneren Schweinehund angehen sollen. Wie ein Soldat, der sich scheiße fühlt und trotzdem einen Schritt vor den anderen setzt.
Unaufhaltsam im Angesicht des Feindes, im Angesicht des Todes oder in meinem Falle: Im Angesicht einer leeren Textdatei.

Das war mein Durchbruch!
Widerstand ist nicht der Feind. Widerstand ist … Widerstand! Widerstand fühlt sich scheiße an, aber ich muss ihn
ertragen, wie ein Soldat das Geschrei seines Offiziers. Wie ein Soldat das beschissene Wetter am frühen Morgen ertragen muss, wenn er wieder
zurück in den Graben klettert und versucht einen Zentimeter Land nach dem anderen zu erobern. Beschissene Situationen und Gefühle auf dem Weg dahin
zu ertragen, ist die wichtigste Fähigkeit eines Soldaten. Und daraus will ich lernen. Ich will den Archetyp des Soldaten ausleben,
wenn es um Disziplin geht. Ich rede mir nicht mehr ein, dass es schön wird morgens um 4 Uhr aufzustehen und zu meditieren, während die ganze Welt
noch schlafen darf. Ich rede mir nicht ein, dass es beim Meditieren bequemer ist als in meinem warmen Bett. Es wird scheiße und ich mach es
trotzdem, weil ich ein Soldat bin!

Mein innerer Schweinehund muss ganz schön verdutzt in die Welt gucken. Er versucht Streit mit mir anzufangen:
„Das wird unangenehm!“ – „Stimmt“
„Dir geht es viel besser,wenn du es nicht machst!“  – „Stimmt“
„Du könntest es heute sein lassen und morgen damit anfangen!“ – „Stimmt“

Ich widerspreche nicht mehr. Ich biete dem Widerstand keinen… Widerstand. Ich ertrage ihn einfach und nehme jede beschissene Situation in Kauf.
Es ist gerade 6:02. Ich hätte heute noch bis 12 schlafen können,stattdessen schreibe ich diesen Artikel und es fühlt sich überhaupt nicht gut an.
Ich bin müde. Mir fallen die Augen zu. Ich sitze unbequem auf der Couch über meinen Couchtisch gebeugt und tippe auf einem kleinen Laptop.
Ich hätte schlafen können! Mein Bett ruft mich immer noch. Es ist so warm und weich! Und nur wenige Schritte entfernt. Hätte ich auf den
inneren Schweinehund gehört, würde es mir jetzt gerade besser gehen.

Das habe ich aber auch vorher schon gewusst. Ich kann keine Entscheidung treffen, ohne dass meine innere Stimme mich versucht davon abzubringen,
indem es mich mit Gegenargumenten überschüttet.
Aber scheiß auf Gegenargumente! Ich nehme sie alle hin. „Es wird unangenehm.“ „Es ist nicht der richtige Zeitpunkt.“ „Ich weiß gar nicht, was mir
bevorsteht.“

Vielleicht geht es schrecklich aus! Vielleicht bleibe ich vor einem weißen Bildschirm sitzen und das einzige was sich ändert, ist der
blinkende Strich, der markiert, wo ich zu schreiben anfangen könnte. Ich könnte so sehr von einer Schreibblockade übermannt sein, dass in meinem
Hirn etwas „Knacks“ macht und dann werde ich verrückt, lebe auf der Straße und bettle am Bahnhof um etwas Geld, damit ich mir Alufolie kaufen kann,
um mich vor den Mikrowellenstrahlen zu schützen. Mikrowellen sind nämlich vom TEUFEL GESCHICKT WORDEN! WACHT ENDLICH AUF LEUTE!

Zugegeben. Manchmal ist Widerstand etwas irrational und ausufernd. Aber das ist es eben, was ihn ausmacht. Es fühlt sich einfach beschissen an,
wenn man einen Schritt ins Ungewisse macht. Wenn man nicht weiß was einen erwartet, liefert der Widerstand einem gerne die verrücktesten Sorgen.
Darum haben wir uns als Kinder gestritten, wenn wir ins Lehrerzimmer mussten.

„Okay! Ich klopfe und du sprichst!“ „Nein! Ich klopfe und DU SPRICHST!“
„Aber was soll ich denn sagen? Was werden SIE sagen? WAS WERDEN WIR ALLE SAGEN?!?!??! AAAAAAAAAAAAAAAAAAAAH“

Vielleicht ist der letzte Teil nicht passiert. Vielleicht aber auch doch… Irrelevant! Tatsache ist. Wir haben Angst vor Ungewissheit und
malen uns die verrücktesten Szenarien aus. Abstellen kann ich das nicht. Also akzeptiere ich sie. Ja genau. Wenn ich jetzt zu einer hübschen Frau Hallo
sage, wird sie bestimmt anfangen zu schreien wie eine Furie „VERGEWALTIGUNG!!!! VERGEWALTIGUNG!!!!!“ und alle werden sich zu mir drehen und mich vorwurfsvoll
angucken. Was fällt mir denn ein, einfach zu jemandem Hallo zu sagen, den ich attraktiv finde? Schrecklich sowas.
Selbs das verrückteste was mir einfällt, akzeptiere ich heutzutage alles und dann mach ich es trotzdem.

Ich akzeptiere, dass es sich scheiße anfühlt um 4:30 aufzustehen. Ich akzeptiere, dass es sich scheiße anfühlt jetzt gerade hier zu sitzen und zu
schreiben, wenn ich nicht weiß, was ich im nächsten Satz schreiben soll. Ich akzeptiere, dass die richtige Entscheidung meistens die unangenehmste
ist.  Mein Schweinehund hat keine Macht über mich, weil ich alles was er sagt akzeptiere und es trotzdem mache. Wie ein verdammter Soldat an
jedem verdammten Tag herausgeht und einen verdammten Schritt vor den anderen setzt, egal wie beschissen es ihm geht. Ich bin ein Soldat!

Hier kommen die Archetypen ins Spiel. Ich habe hunderte von Generationen von Männerleben in meinen Genen. Hunderte von Männern, die hunderte von
Kriegen überstanden haben und sich doch forgepflanzt haben (Sonst wäre ich heute nicht hier).
Wenn ich den Soldaten in mir heraufbeschwöre, spüre ich in meinem Unterbewusstsein meine
Ahnen, die Wissenslücken in mir schließen. Ich habe keine Ahnung wie ein Soldatenleben ist. Ich habe „Saving Private Ryan“ geguckt. Ich habe
Bücher gelesen. Das wars. Ich bin T2 gemustert, aber nie eingezogen worden.
Wenn ich mir aber vornehme Miseren wie ein Soldat zu ertragen, dann weiß mein ganzer Körper wie er sich zu verhalten hat.
Es ist als hätte ich mein Hirn gehackt und einen Cheatcode entdeckt.

Archetypen sind Cheatcodes fürs Gehirn, aber dazu komme ich in einem anderen Artikel. Die Erkenntnis ist nicht von mir sondern von Carl Gustav Jung.

Die Moral von der Geschichte: Euer Schweinehund hat recht, aber ihr seid VERDAMMT NOCHMAL SOLDATEN!!!
Es interessiert niemanden, ob ihr glücklich seid oder nicht. Macht es einfach!

P.S.:
Trotz allem, was mein innerer Schweinehund mir eingeredet hat, fühlt es sich verdammt gut an, etwas getan zu haben, was er verhindern wollte.
Es zu tun fühlt sich scheiße an, aber danach fühlt man sich als hätte man die Welt erobert und die Prinzessin vor einem Drachen gerettet.
Es ist 6:23 und ich habe gerade gegen meinen Willen diesen Artikel verfasst. Das kann mir heute keiner mehr wegnehmen. Egal was aus dem Rest meines Tages wird!

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